2010 war ich für einen Arbeitsbesuch nach Tokio gefahren. Fünf Wochen arbeiteten wir mit den besten Leuten eines NEC-Dezernents zusammen. Wir waren nur zwei, Alexej M. und ich.
Alexej, danke dir für die Unterstützung und den Kontakt im Reisebetrieb. Du hast vorhergehend ein zweites 3G‑Telefon mit einer Touristen‑SIM‑Karte mitgebracht. DANKE! (Arigatō gozaimashita)!
Mein Auftrag bestand darin, zwei Server‑Konfigurationen, die von NEC geändert wurden, mit einer Oracle Datenbank auszurüsten:
- 4 Blades, parallel im RAC-Modus (Real Application Cluster)
- 4 Blades, über eine besondere Schicht als ein Einzelserver verknüpft (Single Oracle Instance).
Die Tests wurden für parallele Anfragen optimiert erwarteten, dass wir auf dem modernsten Hardware‑Setups beeindruckende Ergebnisse bei der ersten Konfiguration sehen würden.
Im Datacenter in Fuchū, 府中市 (Tokyo), war ihr Dezernent ein Japaner mit grauen Haaren. Er selbst legte die Kabel in die Server, ließ niemand aus dem Team ran. Beide Seiten hatten große Sorge um den Ausgang, deshalb wurden sämtliche Kräfte eingesetzt, alles so gut wie möglich zu machen.
[Link zur Wikipedia-Seite über Fuchū, Tokio]
Wir begannen mit der zweiten Konfiguration. Während der Tests wurden gute Ergebnisse erzielt (Die Zahlen kann ich nicht mehr erinnern). Wir haben die Tests mehrmals wiederholt und das System im Cluster‑Modus RAC umgestellt.
Die Tage gingen weiter, aber die Tests zeigten ständig ein deutliches Rückstand des Clusters gegenüber dem Einzelserver. Die Tests wurden von Kollegen aus Moskau mehrmals neu geschrieben, doch es gelang uns nicht, zu den Werten der zweiten Schicht vorzustoßen. Unsere Ergebnisse teilten wir nicht.
Unsere japanischen Kollegen bemerkten unsere Verlegenheit. Am 32. Tag unserer Reise, nachdem ich die Verantwortung für das Testen übernommen habe, entschied ich mich, zum Leiter des Unternehmens zu gehen und die Tatsache einzugestehen, dass nach meinen Messungen die Konfiguration RAC stark hinter der Einzel‑Setup zurückblieb. Mit keiner Optimierung oder Kernel-/Dateisystemeinstellung von RHEL/ext3 konnten wir Verbesserungen erzielen.
Der ältere Japaner höflich hörte mir direkt am Server zu. Er rief die anderen zusammen und bat darum, das zu wiederholen, was ich ihm gesagt hatte. Die Leute lachten mit ihm zusammen. Und er sagte:
„Diese Ergebnisse sind genau so, wie wir sie erwartet haben. Das Unternehmen hat Standard‑Server so weiterentwickelt, dass ihre Prozessoren und Speicher gemeinsam arbeiten können. Wir hatten auf Ihre Tests mit großer Belastung gewartet, die wir selbst nicht hatten testen können. Deshalb sind wir sehr zufrieden mit den Ergebnissen, alle unsere Erwartungen an diese neuen Server wurden erfüllt. DANKEN SCHÖN!
In diesem Moment kam so große Erleichterung über mich! Eine großen Firma, die ich vertrete, kümmerte sich nicht darum, was in mir vorgeht – und überhaupt haben sie von dem gedacht, dass ich sie so darstellte, indem ich ein Geständnis meiner Hilflosigkeit abgegeben habe. Dabei stellte sich heraus: Das ist so manchmal so. Dass ein schlechter Ergebnis erwartete Resultat war.
Der Direktor und sein Mitarbeiter und Freund riefen uns mit Alexej zum Mittagessen in ein kleines Hausrestaurant neben dem Datacenter. Mir scheint, dass das Angebot zu essen aus ihren Tellern ein Ausdruck höchster Ehrerbietung und Gastfreundschaft ist.
Die Japaner nutzen ihr hohes Amt nicht. Der Schlagbaum am Ausgang der Anlage stand offen, aber wir warteten drei Minuten bis 14:00, um mit allen gemeinsam rauszukommen.
Dies war die beeindruckendste Reise aller. Das Miteinander mit Leuten aus Japan dieser Zeit öffnete mir viel Neues. Zuerst erwartete ich im Flughafen Narita Flugscheiben zu sehen, danach suchte ich sie auf den Straßen der Stadt. Doch traf ich Toyota Crown in einem Taxis und abgerundete Autos. Normale Traktoren und Lkws. Und die Bahn „Narita Express“ im Regen fuhr nur schleppend knapp 40 km/h. Das Metro ist dabei mit Pünktlichkeit von Sekunden fahren und an jeder Linie hat sich jedes Zug‑Modell seine eigene, unverwechselbare Klangfarbe. Die Japaner lieben Eisenbahnen. Im Wort JR steckt mehr als im RZD.>Im Rahmen meiner Arbeit habe ich den Ansatz kennen gelernt, der die Industrie zur Stabilität geführt hat. Heute wird aber gerne behauptet, dass Toyota nicht mehr dieselbe sei. Gleichwohl stammt dort das berühmte Sprichwort „zuerst soll man gute Mitarbeiter hervorbringen, dann schon können wir gute Autos bauen“ und aus Japan kommt die Konzeption Lean – der nachhaltige Fertigungsansatz. Viele dieser Charakteristika lassen sich auch auf das Softwareentwicklungsprojekt übertragen: Hier laufen ebenfalls die „Konveyorschlangen“ und stehen Menschen an den Stellen. Ich möchte im Rahmen meiner Arbeit den Ansatz Lean und Gemba etablieren, von dem ich in Kürze einen Artikelzyklus beginnen und praxisnahe Erfahrungen teilen werde.
Und am Ende: